Hexensalbe aus absolut ungiftiger Zusamenstellung
Hochgiftige Pflanze!
Hochgiftige Pflanze!
Die Salbe macht den Hexen Mut,
Ein Lumpen ist zum Segeln gut,
Ein gutes Schiff ist jeder Trog,
Der flieget nie, der heut nicht flog.

Faust 1, Walpurgisnacht

Graue Dämpfe und exotische Gerüche entsteigen dem schwarzen Eisenkessel, der über den lodernen Flammen brodelt. Eine ältere Frau, sicher schon
Mitte der Vierzig (was für die Zeit schon recht betagt war), in schlichter dunkler Kleidung rührt mit einem fingerdicken Holzstab durch die zähflüssige
Brühe. Sie rezitierte dabei ohne Unterlass aus einem dicken ledergebundenen Buch. Von Zeit zu Zeit gab sie dem Sud selten gesehene Kräuter hinzu
und getrocknete, undefinierbare Teile von Tier Kadavern. Die Szene wurde von dem Flackern der Pechfackeln an den kargen Wänden erhellt. Die
Kräuterfrau kochte ihre Hexensalbe nach altbewährter Rezeptur. Einige Döschen verkaufte sie, einen Teil behielt sie für sich, um aus dem Schornstein
auszufahren. "Zum Schlot hinaus und nirgends an!", war die Devise, in heutigem Hochdeutsch übersetzt. Auf zu rauschenden Festen und Hexentreffen.
Dabei kam es bei der Bereitung der Salben auf die genaueste Dosierung an, denn eine Idee zu viel zerstossenen Samen vom Bilsenkraut oder etwas zu
viel Aconitum oder Belladonna - und man war nicht mehr von dieser Welt. So gar nicht mehr! Fast alle Zusatze waren in höchstem Masse giftig und
bewirkten Rauschzustände und das subjektive Gefühl des Fliegens und der Verwandlungen.

So oder ähnlich mag es sich in dem einen oder anderen Hexenhaus zugetragen haben, vor unsäglich langen Zeiten. In der heutigen Zeit tauschen wir
gern den gusseisernen Kessel gegen einen Topf aus blinkendem Edelstahl und die offene Feuerstelle zumeist gegen einen Elektroherd mit Ceranfeld
und Bratautotomatik. Magie unserer Epoche. Die Damen und Herren zu unseren Zeiten sind mit Mitte der Vierzig noch recht jugendlich, wozu die
Lebensumstände, ärztliche Versorgung und die Pflege sehr entscheidend beitragen. Trotz der heute allgemein üblichen klassischen Medizin orientieren
sich vile Mitmenschen immer häufiger an alten Kräuter-Heilmethoden. Selbst Wissenschaftler und Ärzte müssen Zugeständnisse machen.
Naturheilverfahren helfen Erkrankten weiter, wo Mikroorganismen mittlerweile resistent gegen Antibiotika werden.

Man erinnert sich häufiger mit Wehmut an die alten Wissensschätze, die mit zahllosen kräuterkundigen Frauen und Männern auf den Scheiterhäufen
verbrannt wurden. Einige Informationen und Rezepte haben über die Jahrhunderte hinweg im Verborgenen überdauert. Auch Rezepturen von
magischen Flug- und Hexensalben. Und diese haben bis in die heutige Zeit ihre Faszination nicht verloren. Ich habe von meiner Uroma Aufzeichnungen
und mindestens vier verschiedene und ernstzunehmende Rezepte echter Hexensalben. Die einzelnen Bestandteile werde ich hier sicher nicht in
genauer Dosierung beschreiben und erklären, um möglichen Selbstversuchen Interessierter vorzubeugen. Die Bestandteile waren (neben wirkungslosen
aber unheimlichen Bestandteilen wie Fledermausblut - die armen possierlichen Tierchen...) fast ausnahmslos hochgiftige Zutaten. Die Hexensalben
wurden in der Regel an besonders empfindlichen Stellen des Körpers verrieben - wie Stirn, Schläfen, Achselhöhlen, Handflächen, Herzgegend,
Leistengegend, Kniekehlen und Fußsohlen. Je nach dem Zweck wählte man die Pflanzen aus: Alraune, Bilsenkraut, Stechapfel, Tollkirsche, Eisenhut
u.ä. - ebenso Fliegenpilze, Parabax, Düngerlinge u.a. Pilze.
Tollkirsche
Bilsenkraut