Der magische Stab
Der ursprüngliche Magier / Zauberer war der Träger göttlicher Macht und Gewalt auf Erden. Er war der wirkliche Priesterkönig
und auch der mit göttlicher Vollkommenheit und Weisheit versehene Asket, der ein Leben der Hingabe für die Menschheit
führte. Das Zeichen seiner ihm von Gott gegebenen Macht und Autorität, das ihn zum wahren Stellvertreter Gottes machte,
war der Stab, der dem einfachen Menschen als ein Zauberstab erscheinen mußte.

Geblieben hiervon ist eine fast vergessene Überlieferung und eine ewige stille Sehnsucht der Menschen nach göttlicher
Gerechtigkeit und Liebe im Leben.





Alle Zauberstäbe, alle Stäbe der Macht sind Abbilder des ewigen Weltenbaumes, der identisch ist mit dem Ur-Linga; und
dieser ist, wie wir gehört haben, eins mit dem absoluten Brahman, eins mit der unendlichen Macht Mahavishnus. Jeder
Träger eines solchen Stabes wird damit auch zum "Träger" dieser Macht. Alle Herrscherstäbe, die Zepter der Könige und die
Stäbe der Priester, die sich alle auf einen ersten göttlichen Stab der Macht zurückführen lassen, gehören zu dieser Gruppe.

Diesen allumfassenden Stäben göttlicher Autorität nachgeordnet sind Zauberstäbe, die einen Teilbereich dieser Macht
repräsentieren. So wird die Fähigkeit zu heilen durch den (Äskulap-) Stab des Heilers oder Arztes ausgedrückt. Die Fähigkeit,
den Himmel oder die Unterwelt zu bereisen, wird durch den entsprechenden Stab des Unterpriesters oder Schamanen
bestätigt.

In jener sehr frühen Zeit der menschlichen Kultur, in der das Wissen um die vollständige Wirklichkeit der Welt den Herrschern
und Priestern noch allgemein verfügbar war, erfüllten diese ihre jeweilige Funktion auch gänzlich spontan in natürlicher
Übereinstimmung mit den Erfordernissen der Natur und der damaligen Gesellschaft. Die dazu erforderliche göttliche Kraft
stand ihnen ohne jede Einschränkung zur Verfügung. Der Stab als Verkörperung des höchsten Gottes in der Hand des
Zauberers war für die Menschen jener Zeit ein sichtbarer Hinweis darauf, daß er und der im Stab gegenwärtige Gott
miteinander identisch waren.

Für den Zauberer selbst war der Stab eine stetige Erinnerung und Mahnung, sich seiner göttlichen Natur bewußt zu bleiben.
Zugleich war er ein Instrument und ein Symbol der Verehrung. Erhalten hatte er ihn von seinem spirituellen Lehrer, der seit
ältesten Zeiten für den nach Erleuchtung strebenden Menschen die Stellvertreterfunktion des höchsten Gottes zu erfüllen
hatte.

Auch nach seiner spirituellen Vollendung blieb der Lehrer für den Zauberer das Ziel seiner Hingabe, ebenso wie er selbst es
inzwischen für seine Schüler geworden war. Durch Wahrung dieser Tradition konnte sichergestellt werden, daß sich
Erleuchtung durch das Mittel der Hingabe zu vollständiger Gottesverwirklichung entwickeln konnte.

Wir finden die hier beschriebene Zeit in den Überlieferungen fast aller großen Kulturen als das Goldene Zeitalter beschrieben
(siehe Anhang). Es verging schließlich und andere folgten, in denen die göttliche Ordnung allmählich abnahm. Mit der
Abnahme dieser Ordnung, wir können auch sagen, mit der allmählichen Auflösung der Ganzheit des Lebens, ging auch die
Fähigkeit der Menschen verloren, spontan ihre Aufgaben in Übereinstimmung mit den göttlichen Gesetzen zu erfüllen. Nun
wurde es erforderlich, sich um die korrekte Ausführung der religiösen und weltlichen Erfordernisse bewußt zu kümmern. Die
Herrscher und Priester mußten sozusagen jeweils erneut in ihre Funktion eingesetzt werden. In dieser Zeit entstanden die
Mysterienkulte, in denen die betreffenden Personen die erforderlichen Einweihungen und Initiationen erhielten, mit denen sie
sozusagen wieder an die ursprüngliche Macht Gottes angekoppelt wurden.

Den Stab erhielten sie nun im Rahmen ihrer Einsetzung in ihr Amt als Insignum ihrer Macht. Man könnte fast sagen, der Stab
wurde nun zum Katalysator, der erforderlich wurde, damit sie ihre Aufgabe auch wirklich ausfüllen konnten. Der Stab hatte
nun eine Funktion erhalten. Für den unbedarften Außenstehenden mußte ein solcher Stab ein wirklicher Zauberstab sein,
schien es doch so, daß die Macht vom Stab selbst ausging. Dies war natürlich nicht der Fall. Alle Macht, alle Fähigkeiten
gingen von den betreffenden Personen aus, die sich als Kanäle der göttlichen Macht verstanden.

In einem weiteren Schritt der Verdunkelung der ewigen Weisheit verloren die Herrscher und Priester trotz intensiver
spiritueller Ausbildung zunehmend die Fähigkeit, mit dem Göttlichen verbunden zu bleiben. Die Mysterien änderten sich.
Nun war es nicht mehr das Ziel, den erleuchteten Priester oder König zu bilden; nun richtete sich das Ziel darauf, den
Hierophanten das Instrumentarium an die Hand zu geben, in bestimmten Situationen sicherzustellen, daß diese Verbindung
zur göttlichen Macht zumindest zeitweilig hergestellt werden konnte. In dieser Phase entstanden die religiösen Rituale, mit
deren Hilfe dies Ziel sichergestellt werden konnte. Und hier bekam der Zauberstab nun auch seine rituelle Funktion. Er wurde
im Rahmen dieser Rituale zum Werkzeug, zum Stab des Zauberkundigen.

Als diese Ebene der Verdunkelung der ewigen Weisheit erreicht war, bildete sie auch den historischen Zeitpunkt, an dem es
möglich wurde, daß sich die Zauberer dafür entscheiden konnten, den Weg des Zauberers beizubehalten, oder den Weg des
Magiers einzuschlagen.













Der Zauberer setzt seine Kenntnisse der Schöpfungszusammenhänge und seine Herrschaft über bestimmte Naturgesetze
immer nur dafür ein, die göttliche Evolution zu unterstützen. Der Magier setzt seine Fähigkeiten ein, um den individuellen
Interessen einzelner Menschen, sei es im Guten oder im Bösen zu dienen. Es ist überaus schwierig, die beiden Bereiche der
weißen und schwarzen Magie voneinander zu trennen. Viel zu häufig gehen sie ineinander über und werden damit zu einer
vielfach unterschätzten, verheerenden Gefahr für den Ausübenden. Wir wollen deshalb zunächst den magischen Bereich
unberücksichtigt lassen und uns weiterhin dem "zauberhaften" Weg widmen.

Wenn wir uns heute ernsthaft mit der Natur der Zauberstäbe beschäftigen wollen, so müssen wir tatsächlich beim Nullpunkt
beginnen, denn der Nullpunkt dieses Wissens ist nahezu erreicht. Das Wissen um die Natur dieser Stäbe ist nahezu
vollständig verlorengegangen. Welcher Arzt wüßte noch etwas Substantielles über die Natur des Stabes des Äskulap?
Welcher Arzt besitzt gar einen? Welcher Monarch hat noch Kenntnis über die tatsächlichen Zusammenhänge, die das Wesen
seines Zepters betreffen?

In unserer Kultur finden wir den letzten Rest des bis zur völligen Unkenntlichkeit zerstörten Wissens um diese
Lebenswirklichkeit nur noch als lackiertes Spielzeug im Zauberkastens unserer Kinder.

Selbst in unserer zunehmend wieder spiritueller werdenden Zeit ist das Phänomen des Zauberstabes nahezu vollständig
außerhalb der Betrachtungsweise geblieben. Es soll deshalb zunächst einfach gesammelt werden, was in Geschichte und
Überlieferung zu diesem Thema erhalten geblieben ist. Es wird dann interessant sein zu untersuchen, ob sich damit nicht
vielleicht auch für unsere Zeit ein hilfreiches Konzept für die Erneuerung und Wiederbelebung des Wissens vom integrierten
Menschen verwirklichen läßt.

Quelle: